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Der Begriff der Entführung beim erpresserischen Menschenraub

Der Tatbestand des erpresserischen Menschenraubs wird in Klausuren häufig übersehen, dabei ist er insbesondere im Zwei-Personen-Verhältnis nicht ganz unproblematisch und erlangt im Rahmen des Meinungsstreits über das Verhältnis von Raub und Erpressung besondere Relevanz. Auch in der Praxis ist die Abgrenzung des erpresserischen Menschenraubs zum einfachen Raub und der Erpressung in Anbetracht der hohen Strafandrohung von nicht unter fünf Jahren wichtig. Deswegen soll an dieser Stelle die erste Tatvariante, das Entführen, definiert werden.

  • § 239a StGB lautet: Wer einen Menschen entführt (…), um die Sorge des Opfers um sein Wohl oder die Sorge eines Dritten um das Wohl des Opfers zu einer Erpressung (§ 253) auszunutzen, oder wer die von ihm durch eine solche Handlung geschaffene Lage eines Menschen zu einer solchen Erpressung ausnutzt, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft.

Definition: Entführen ist das Verbringen des Opfers an einen anderen Ort, an dem es dem ungehemmten Einfluss des Täters ausgesetzt ist.

Eine bloße Ortsveränderung reicht für die Tathandlung des Entführens nicht aus, vielmehr muss sie auch zu einer Herrschaftsgewalt des Täters über sein Opfer führen. Herrschaftsgewalt erlangt etwa auch ein physisch überlegener und bewaffneter Täter, der sein Opfer zum Geldautomaten begleitet. Vorausgesetzt wird nicht, dass jegliche Schutz- oder Fluchtmöglichkeiten für das Opfer ausgeschlossen sind. Dabei kommt es auf die Art der eingesetzten Tatmittel nicht an, auch durch die Anwendung von List kann Herrschaftsgewalt begründet werden. So beispielsweise, wenn der Täter das Opfer nur mit einer Scheinwaffe bedroht. Die Entführung muss außerdem ohne oder gegen den Willen des Tatopfers geschehen. So liegt ein tatbestandausschließendes Einverständnis und daher keine Entführung vor, wenn das Opfer seine Entführung gegenüber dem Erpressungsopfer nur vortäuscht, um das Lösegeld zu kassieren. Ein wirksames Einverständnis kann dagegen bei Opfern, die sich freiwillig als Ersatzgeisel anbieten, nicht vorliegen.

Rechtsanwalt Dietrich, Fachanwalt für Strafrecht aus Berlin

Lebenslänglich für Kindesentführung

Im letzten Leipziger Tatort vom 26. April 2015 mit den Hauptkommissaren Eva Saalfeld (Simone Thomalla) und Andreas Keppler (Martin Wuttke) dominieren „niedere Instinkte“ das Geschehen. Das Ehepaar Prickel kann keine eigenen Kinder bekommen, daher entführt der Lehrer Wolfgang Prickel (Jens Albinus) die kleine Magdalena und nimmt sie mit zu sich nach Hause. Dort soll das Mädchen von nun an die Tochter sein, die das Paar nie hatte.

Als die polizeilichen Ermittlungen Fahrt aufnehmen und im Radio von groß angelegten Suchaktionen und geplanten DNA-Massengentests im Sinne des § 81h StPO berichtet wird, bekommt Prickel Panik. Sein Instinkt sagt ihm, dass die Verschleppung des kleinen Mädchens eine höchststrafwürdige Tat ist. „Dafür gibt’s lebenslänglich“, sagt er zu seiner Frau. Aber stimmt das wirklich?

Schaut man den Abschnitt des Strafgesetzbuches über Straftaten gegen die persönliche Freiheit (§§ 232 ff. StGB) durch, dann stellt man fest, dass weder die Vorschrift über den Menschenraub (§ 234) noch über die Verschleppung (§ 234a), die Entziehung Minderjähriger (§ 235) oder Freiheitsberaubung (§ 239) eine lebenslange Freiheitsstrafe androht. Im vorliegenden Fall liegt wohl am ehesten eine Entziehung Minderjähriger gem. § 235 StGB vor, da der Lehrer Prickel eine Person unter achtzehn Jahren mit Gewalt den Eltern entzieht (Abs. 1 Nr. 1) und dabei auch nicht Angehöriger ist (Abs. 1 Nr. 2). Diese Tat wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. Dem Entführer Prickel droht konkret sogar eine Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren, weil er durch die Kindesentführung das kleine Mädchen in die Gefahr einer erheblichen Schädigung der körperlichen oder seelischen Entwicklung bringt (Abs. 4 Nr. 1).

In beiden Fällen droht jedenfalls keine lebenslange Freiheitsstrafe. Das meinte Prickel aber auch gar nicht. „Dafür gibt’s Sicherungsverwahrung – für immer“, ergänzt er. Die Sicherungsverwahrung ist aber keine Strafe für eine begangene Tat. Sie ist gem. § 61 Nr. 3 i.V.m. § 66 StGB eine Maßregel der Besserung und Sicherung. Die Anordnung der Unterbringung in der Sicherungsverwahrung neben der Strafe erfolgt durch das Gericht und wäre im Fall von Prickel grundsätzlich möglich, sofern er im Sinne des § 66 Abs. 1 S. 1 Nr. 1 lit. a) zu einer Freiheitsstrafe von mindestens zwei Jahren wegen einer vorsätzlichen Straftat verurteilt wird, die sich gegen die persönliche Freiheit richtet. Das wäre hier möglich (s.o.). Allerdings müssten zudem auch noch die Voraussetzungen des § 66 Abs. 1 S. 1 Nr. 4 StGB vorliegen, nämlich der Hang zu erheblichen Straftaten, wodurch der Täter für die Allgemeinheit gefährlich ist.

Zu einer etwaigen Verurteilung des Lehrers Prickel kommt es dann aber gar nicht mehr, da er sich im Badezimmer eine Zigarette anzündet und dadurch eine für ihn tödliche Explosion verursacht. Seine Frau sagt später zu Kommissar Keppler, sie habe zuvor die Gastherme „mit Bohrmaschine und Hammer repariert“. Geht man davon aus, dass dieses zweifelhafte Vorgehen dazu dienen sollte, ihren Mann zu töten, dann läge hier wohl ein Mord gem. § 211 StGB vor. Ging es ihr auch um das vorsätzliche Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, dann ist zudem der Tatbestand des § 308 StGB erfüllt. In diesem Fall gibt’s dann tatsächlich eine lebenslange Freiheitsstrafe. Der § 211 StGB sieht diese für Mord ausnahmslos vor. Im Falle des § 308 Abs. 3 StGB, nämlich wenn durch die Explosion ein Mensch getötet wird, ist ihre Verhängung ebenso möglich.

Insofern könnte man sagen, hat Prickel mit seiner Angst vor dem Lebenslänglich doch Recht behalten. Allerdings dürfte ihm das aufgrund seiner „gespaltenen Persönlichkeit“, wie der Rechtsmediziner mit einem für diesen Beruf nicht ganz untypischen Sinn für Humor sagt, nun egal sein.

Error in Persona – Was tun, wenn die falsche Tochter vor der Tür steht?

Der Bremer Tatort vom 15. März 2015 erzählt von der Wiederkehr einer verlorenen Tochter. 2005 verschwand Fiona Althoff. Vieles deutete damals darauf hin, dass ihr alkoholabhängiger Vater für ihr Verschwinden verantwortlich war. Dieser hielt den Ermittlungen letztlich nicht stand und brachte sich um. Damit war der Fall vorerst erledigt. Mit dem Auftauchen des Mädchens nun zehn Jahre später glauben die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Nils Stedefreund (Oliver Mommsen), damals einen Fehler gemacht zu haben.

Die verlorene Tochter scheint viel durchgemacht zu haben. Sie erzählt von vielen Fahrten durch Europa in einem Wohnmobil und lässt deutlich werden, dass sie sexuell missbraucht wurde. Nach anfänglichem Unbehagen der Familie angesichts der fremd wirkenden Person in ihrem Haus, bestätigt ein DNA-Test, dass es sich um Fiona handeln muss. Allein die Mutter weiß, dass ihre Tochter in Wirklichkeit tot ist.

Vor zehn Jahren starb Fiona beim Spielen. Ihr damals 5-jähriger Bruder hatte sie mit Klebstoff „gefüttert“. Das Mädchen war daraufhin erstickt. Um ihren Sohn zu schützen, verschleierte die Mutter den Unfall. Sie versteckte die Leiche in der Nähe von Lüneburg und manipulierte bereits damals DNA-Proben. Mit dem Tod ihres Mannes, ließ die Mutter die Verantwortlichkeit an dem Verschwinden der Tochter auf ihn übergehen.

Damit diese Geschichte nicht aufgedeckt wird, folgt die Mutter nun der Show der wiedergekehrten „Tochter“. Diese heißt eigentlich Elena Groß, nicht Fiona Althoff. Da bekommt der Begriff des error in persona eine ganz neue Wendung. Elena ist Teil eines Betrügerpärchens. Kommissarin Lürsen bringt es später auf den Punkt: „Sie arbeiten immer mit der gleichen Methode. Elena schleicht sich in Familien ein, mit verschiedenen Geschichten. Aber am Ende geht es immer nur um Geld.“

Ein Betrug gem. § 263 StGB setzt zunächst einmal eine Täuschung über Tatsachen voraus. Elena täuscht über ihre Identität. Der sich für den Betrug dann daraus ergebende Irrtum, entsteht bei der Mutter aber nicht, da sie die Wahrheit kennt. Dies ändert aber nichts daran, dass Elena die Mutter letztlich doch noch zu einer Vermögensverfügung bewegt, indem sie später vortäuscht, von einem früheren „Pfleger“ erpresst zu werden.

Dieser ist in Wahrheit ihr Freund und selbst kein unbeschriebenes Blatt. Er vergiftete bereits die Leute, bei denen Elena zuvor im Wohnwagen gelebt hatte. Den Wohnwagen steckte er später in Brand. Nun bei der Geldübergabe von 3.000 € bedroht er Elena und die Mutter mit einer Pistole. Direkt vor dem Gesicht des Mädchens feuert er die Waffe in die Luft ab, sodass Elena ein Knalltrauma erleidet. Dann zielt er der Mutter ins Gesicht und drückt ab, jedoch befand sich da schon keine Patrone mehr in der Waffe. Hätte der Mann das nicht gewusst und die Tötung beabsichtigt, läge hier ein versuchter Mord vor.

Irgendwann wird es anscheinend auch Elena zu viel. Sie ruft heimlich die Polizei an und ermöglicht so eine Handy-Ortung gem. § 100i StPO. Der Verhaftung entzieht sich der Freund durch Selbstmord.

Dieser Tatort verdeutlicht, wie sehr man sich in Personen täuschen kann. Fiona ist nicht Fiona. Der Vater, den damals alle für den Mörder seiner Tochter hielten, war eigentlich unschuldig. Die Mutter, die eigentlich nur das Beste für ihre Kinder will, dreht im Hintergrund ganz krumme Dinger. Nur die Kommissare bleiben anscheinend sie selbst und verstecken sich nicht – wie manch anderer Kollege – hinter einer Maske.

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