• Archiv der Kategorie: Urteil- und Entscheidungsbesprechung

Urteile z.B. zum Diebstahl (§ 242 StGB), Urkundenfälschung (§ 267 StGB), Betrug (§ 263 StGB, Körperverletzung (§ 223 StGB), Kinderpornografie (§ 184b StGB) und andere Entscheidungen werden dargestellt und erläutert.

Mal wieder den Kilometerzähler frisiert?

Die Zahl der zurückgelegten Kilometer ist wohl – neben dem Baujahr – das wertbestimmende Merkmal eines PKW. Anders als das Baujahr sollte der Kilometerwert möglichst niedrig sein, wenn man den liebgewonnenen Gebrauchten noch zu einem nennenswerten Preis weiterverkaufen möchte. Was aber tun, wenn der Zähler die magischen 100.000 längst überschritten hat? Frühere mechanische Wegstreckenzähler verlangten dem Kfz-Laien einiges ab, wollte er die Zahlen zurückdrehen. Heutige digitale Anzeigen lassen sich mit der entsprechenden Software binnen Sekunden auf einen ansprechenden Wert ändern. Legal ist das freilich nicht. Doch nach welcher Norm macht sich der Autotuner eigentlich strafbar? Und wie kommt man aus der „Nummer“ wieder heraus, wenn man mit einem frisierten Kilometerzähler angetroffen wird? Ein gar nicht seltenes Phänomen: Schließlich sind nach Schätzungen bis zu 30 Prozent der Gebrauchtwagen betroffen. Strafrechtsblogger.de geht diesen Problemen einmal auf den Grund.

Zunächst dürfte dem regelmäßigen Leser dieses Blogs klar sein, dass ein Verkauf des Gebrauchtwagens in Kenntnis des frisierten Kilometerstands den Betrugstatbestand des § 263 StGB verwirklicht, wenn der Käufer über den falschen Zählerstand nicht informiert wird.

Damit ist es aber nicht getan. Regelmäßig erscheinen in unserer Kanzlei Mandanten, bei denen ein frisierter Kilometerzähler festgestellt wurde. Doch sie wollten ihr Auto gar nicht verkaufen. Kann das Frisieren ohne die Absicht, einen anderen zu schädigen, strafbar sein? Ja – meint der Gesetzgeber.

Der Gesetzgeber geht davon aus, dass der Betrug im Regelfall nur schwer nachzuweisen ist. Aus diesem Grund hat er im Jahre 2005 die Strafbarkeit zeitlich erheblich vorverlagert (BGBl. I 2005 S. 2412).

Nach § 22b StVG (Dunkelnorm!) wird

[m]it Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe […] bestraft, wer
1. die Messung eines Wegstreckenzählers, mit dem ein Kraftfahrzeug ausgerüstet ist, dadurch verfälscht, dass er durch Einwirkung auf das Gerät oder den Messvorgang das Ergebnis der Messung beeinflusst.

Damit ist bereits das Manipulieren am Kilometerzähler unter Strafe gestellt, obwohl der Täter lediglich mit seinem Eigentum umgeht und dabei (noch) niemanden schadet.

Zusätzlich stellt § 22b Abs. 1 Nr. 3 bestimme Vorbereitungshandlungen zu dieser Betrugsvorbereitung unter Strafe:

Mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe wird bestraft, wer
3. eine Straftat nach Nummer 1 oder 2 vorbereitet, indem er Computerprogramme, deren Zweck die Begehung einer solchen Tat ist, herstellt, sich oder einem anderen verschafft, feilhält oder einem anderen überlässt.

In entsprechender Anwendung des § 149 Abs. 2 und 3 StGB gibt es jedoch für diese Vor-Vorbereitungshandlungen die Möglichkeit der tätigen Reue. Das Aufgeben der Ausführung der vorbereiteten Tat bzw. die Vernichtung der Software oder auch das Abliefern der Software bei der Behörde 🙂 genügen (Normtext), um Straffreiheit zu erlangen.

Was aber soll man tun, wenn man mit frisiertem Kilometerzähler erwischt worden ist? Hier gelten die allgemeinen Grundsätze: Die Staatsanwaltschaft muss beweisen können, wer am Kilometerzähler manipuliert hat. Das kann der Fahrzeughalter sein – muss es aber natürlich nicht. Insbesondere kommen etwaige Voreigentümer als Täter in Betracht. Ohne eine Aussage des Tatverdächtigten ist es daher in der Regel sehr schwierig, den tatsächlichen Täter zu bestimmen. Daher gilt auch hier der ernstzunehmende Hinweis, nie Angaben bei der Polizei zu machen, sondern einen Verteidger mit der Akteneinsicht zu beauftragen.

Zum Weiterlesen: BVerfG 2 BvR 1589/05 sowie Humberg, SVR 2011 (5) 164-166.

Rechtsanwalt Steffen Dietrich

BGH bestätigt Urteil wegen Mordes auf Recyclinghof – und wir schauen ins Gesetz

Aus der Pressemitteilung des BGH vom 02. März 2011:

Bundesgerichtshof bestätigt Urteil wegen Mordes auf Recyclinghof in Berlin

Im Januar 2010 erstach der 23 Jahre alte Angeklagte, der auf einem Recyclinghof in Berlin arbeitete, während der Nachtschicht auf dem Gelände seiner Arbeitsstelle eine 26jährige Kollegin. Nach den Urteilsfeststellungen war er aus Wut auf die Idee gekommen, einen beliebigen Menschen zu töten. Auf seiner Suche nach einem Opfer traf er die ihm nur flüchtig bekannte Kollegin im Damenumkleideraum an. Er überwältigte, fesselte und vergewaltigte sein Opfer. Nach einer halben Stunde tötete er sie durch zwei Messerstiche. Die Leiche der Frau versteckte er in einem Container. Sie wurde erst aufgefunden, nachdem die Polizei mehrmals das Gelände nach der Vermissten durchsucht hatte.

Der geständige Angeklagte wurde durch das Landgericht Berlin wegen Mordes in Tateinheit mit besonders schwerer Vergewaltigung zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt; die besondere Schwere der Schuld wurde festgestellt. Der 5. (Leipziger) Strafsenat des Bundesgerichtshofs hat die Revision des Angeklagten durch Beschluss als unbegründet verworfen. Die Verurteilung ist damit rechtskräftig.

Warum stellt das Schwurgericht eine „besondere Schwere der Schuld“ fest? Wenn Die Schuld des Täters die Grundlage für die Zumessung der Strafe, § 46 Abs. 1 S. 1 StGB ist und lebenslange Freiheitsstrafe die höchste in Deutschland mögliche Strafe, müsste die Schuld eines Mörders doch immer „besonders schwer“ sein..

Hintergrund dieser Feststellung ist § 57a Abs. 1 S. 1 StGB. Das Gericht setzt nach § 57a Abs. 1 S. 1 Nr. 1.-3. in Verbindung mit 57 Abs. 1 S. 1 Nr. 2 und 3. StGB die Vollstreckung des Restes einer lebenslangen Freiheitsstrafe zur Bewährung aus, wenn

1. fünfzehn Jahre der Strafe verbüßt sind,
2. nicht die besondere Schwere der Schuld des Verurteilten die weitere Vollstreckung gebietet,
3. dies unter Berücksichtigung des Sicherheitsinteresses der Allgemeinheit verantwortet werden kann und
4. die verurteilte Person einwilligt.

Zunächst kommt es nur auf die ersten beiden Punkte an.

Grundsätzlich wird der zu lebenslanger Haft Verurteilte nach 15 Jahren auf Bewährung entlassen, es sei denn, die besondere Schwere der Schuld steht dem entgegen.

Wann die besondere Schwere der Schuld vorliegt, ist erwartungemäß umstritten.
Die Meinungen reichen von einem (1) Abweichen von der Mindestschuld über ein (2) Abweichen von der Durchschnittsschuld bis hin der Feststellung der besonderen Schuld lediglich in (3) Extremfällen.

Die h. M. stellt auf ein erhebliches Abweichen von der normativ bestimmten Mindestschuld anhand von „Umständen von Gewicht“ ab. Man müsse sich fragen, ob die Vollstreckung von 15 Jahren eine unangemessen niedrige Strafe darstellen würde. Um es nicht völlig dem Belieben der Richter zu überlassen, die besondere Schwere der Schuld festzustellen, haben sich folgende Kriterien etabliert:

1) Art und Anzahl der verwirklichten Mordmerkmale
2) die Zahl der Opfer
3) die daneben gefährdeten Rechtsgüter

Das Tatgericht wird im Ausgangsfall vermutlich auf die erstaunliche Vielzahl der verwirklichten Mordmerkmale abgestellt haben.

Interessant ist letztlich ausnahmsweise einmal die Zuständigkeit: § 57a StGB ist eine Norm, die die Strafvollstreckung regelt. Hierfür ist gemäß §§ 454, 462a Abs. 1 StPO die Vollstreckungskammer zuständig – mithin gar nicht das Schwurgericht.

Wie aber soll die Vollstreckungskammer 15 Jahre nach der Verurteilung nachträglich eine besondere Schwere der Schuld feststellen, was zusätzlich für den Verurteilten eine große Ungewissheit bärge, möglicherweise nie entlassen zu werden? Hier ist das Rechtsstaatsprinzip berührt.

Das BVerfGE hat entschieden, dass die Vollstreckungskammer bei der Aussetzungsentscheidung an die Einschätzung des Tatgerichts hinsichtlich der besonderen Schwere der Schuld gebunden ist („Schwurgerichtslösung“ BVerfGE 86, 288, 317 ff). Nachträglich lasse sich die besondere Schuldschwere nicht mehr feststellen. Das BVerfG nennt das „verfassungskonforme Auslegung“ der oben genannten Zuständigkeitsregelung. Eigentlich wäre aber der Gesetzgeber gefragt, die dem Rechtsstaatsprinzip entgegenstehende gesetzliche Regelung zu ändern.

Die Folge der BVerfG-Entscheidung: Das Tatgericht muss also, wenn es die Aussetzung der lebenslangen Freiheitsstrafe zur Bewährung nach 15 Jahren verhindern will, im Urteil die besondere Schwere der Schuld feststellen. Das hat es im vorliegenden Fall getan.

Konstantin Stern

Verteidigerpost darf bei beleidigendem Inhalt verwertet werden,

obwohl diese als Zufallsfund im Haftraum des Mandanten beschlagnahmt wurde. Voraussetzung ist, dass zum Zeitpunkt des Erlasses des Durchsuchungsbeschlusses gewichtige Anhaltspunkte für eine (versuchte) Strafvereitelung des Rechtsanwaltes bestanden haben, die über den für den Erlass eines Durchsuchungs- und Beschlagnahmebeschlusses erforderlichen Anfangsverdacht hinausgehen. So zumindest das Bundesverfassungsgericht in seiner Entscheidung vom 20.05.10 – 2 BvR 141309 –.

Da diese Schriftstücke verwertet werden durften, wurde der Rechtsanwalt im vorliegenden Verfahren wegen Beleidigung verurteilt.

Rechtsanwalt Steffen Dietrich, Berlin

Ex-Chef der IKB zu Bewährungsstrafe verurteilt – Die Strafbarkeit der Marktmanipulation

Ich erinnere mich, wie Prof. Hellmann auf einer Diskussionsveranstaltung an der Uni Potsdam dem aufgebrachten Rentnermob prophezeite, es werde im Zusammenhang mit der Finanzkrise Strafverfahren und Verurteilungen geben. Heute hat es den ersten getroffen. Das Landgericht Düsseldorf verurteilte den ehemaligen Chef der Mittelstandsbank IKB, Stefan Ortseifen, zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe wegen Marktmanipulation. Grund genug für uns, sich diesen nicht ganz alltäglichen Straftatbestand einmal genauer anzusehen.

Die Marktmanipulation ist Teil des Börsen- und Bankenstrafrechts, zu dem unter anderem auch die Tatbestände

  • Verleitung zur Börsenspekulation, § 49 iVm § 26 BörsG
  • Verbotener Insiderhandel, § 38 Abs. 2 iVm § 14 WpHG
  • Verstöße gegen das Kreditwesengesetz

gehören.

Der Straftatbestand der Marktmanipulation ergibt sich aus einer längeren Normenkette des Wertpapierhandelsgesetzes, nämlich

§ 38 Abs. 2 iVm §§ 39 Abs. 2 Nr. 11, 20a Abs. 1 S. 1 Nr. 1-3

Warum so eine lange Kette? Die verbotenen Tathandlungen sind in § 20a Abs. 1 S. 1 Nr. 1-3 festgelegt. Wie im Nebenstrafrecht üblich finden sich aber die Straf- und Bußgeldvorschriften am Ende des Gesetzes, nämlich in den §§ 38 f.

Das geschieht nach folgendem Muster:

§ 1 Handlung A ist verboten.
§ 2 Handlung B ist verboten.
§ 3 Handlung C ist verboten.
[…]
§ 30 Straf- und Bußgeldvorschriften:
Abs. 1: Ein Verstoß gegen § 1 wird mit Strafe X bestraft.
Abs. 2: Ein Verstoß gegen § 2 wird mit Strafe Y bestraft.
Abs. 3: Ein Verstoß gegen § 3 wird mit Strafe Z bestraft.

Im Grunde gilt dieses bewährte Schema auch für das WpHG. § 20a Abs.1 Nr. 1-3 sagt, welche Tathandlung verboten ist, nämlich vor allem (Nr. 1, 1. Alt.)

  • das Machen unrichtiger Angaben oder
  • irreführender Angaben
  • über Umstände, die
  • für die Bewertung eines Finanzinstruments erheblich und
  • zur Einwirkung auf den Preis geeignet sind

§§ 38f. WpHG sehen dann eine Sanktion vor.

Es gibt jedoch eine Besonderheit. Der bloße Verstoß gegen § 20a Abs. 1 Nr. 1, 1. Alt. ist nur eine Ordnungswidrigkeit, § 39 Abs. 2 Nr. 11 WpHG.

Erst wenn ein bestimmter Taterfolg hinzukommt (hier: Einwirkung auf den Börsen- oder Marktpreis), wird die Tathandlung zur Straftat mit der Rechtsfolge Strafe.

Ortseifen soll mit einer irreführenden Pressemitteilung am 20. Juli 2007 die Lage der Bank beschönigt und damit vielen Anlegern Verluste beschert haben.

Die IKB hatte in Zweckgesellschaften viele Milliarden Euro in strukturierte Wertpapiere im Subprime-Markt investiert. Die Ratingagenturen hatten damals begonnen, diese Tranchen reihenweise abzuwerten. Dennoch bestätigte Ortseifen die Gewinnprognose der IKB und stellte allenfalls einstellige Millionenabschreibungen durch die Subprime-Krise in Aussicht. Tatsächlich musste der deutsche Steuerzahler für die Rettung der IKB-Bank schließlich mit rund zehn Milliarden Euro einspringen. Quelle: Faz.net).

Ich kenne den Fall nicht gut genug und möchte mich daher nicht so weit aus dem Fenster legen. Dennoch will ich anmerken, dass nach herrschender Meinung als das geschützte Rechtsgut der Marktmanipulation (nur) die Wahrung der Zuverlässigkeit und Wahrheit der Preisbildung an Börsen und (anderen überwachten) Märkten angesehen wird. Die Vorschrift dient also lediglich dem Schutz des übergeordneten kapitalmarktrechtlichen Schutzguts der „Funktionsfähigkeit der Wertpapiermärkte“.

Das Schutzgut ist also (nach h. M.) nicht das Vermögen der Anleger. Daher sollte man nicht unter Berufung auf diese Verluste zu einer Strafbarkeit gelangen.

Es soll nicht verschwiegen werden, dass es neben der Begehung durch Täuschung (Machen unrichtiger/irreführender Angaben) auch eine Unterlassungsalternative (Nr. 1, 2. Alt.), eine Begehung durch Vornahme manipulativer Geschäfte (Nr. 2) und einen Auffangtatbestand (Nr. 3 – sonstige Täuschungshandlungen) gibt. Diese spielten hier aber nach meinem Wissen keine Rolle.


Konstantin Stern

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