Urteilsabsetzung kann wichtiger sein als die Durchführung einer Hauptverhandlung

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Bekanntlich beschweren sich Gerichte und Staatsanwaltschaften nicht gerade darüber, dass sie zu wenig zu tun hätten. Jedes Jahr müssen eine enorme Vielzahl von größeren und kleineren Fällen bearbeitet werden, viele davon gleichzeitig. Dass es dabei hin und wieder zu Verzögerungen im geplanten Arbeitsablauf kommen kann, haben wir bereits an dieser Stelle gezeigt. Trotz aller Schwierigkeiten ist es unerlässlich, bei der Bearbeitung der einzelnen Sachen die jeweils vorgegebenen Fristen einzuhalten.

Eine wichtige Frist für das Gericht ist die sogenannte Urteilsabsetzungsfrist gemäß § 275 Abs. 1 StPO. Demnach muss das Urteil mit den Gründen unverzüglich, spätestens aber fünf Wochen nach seiner Verkündung zu den Akten gelangen. Ist dem Urteil eine längere Hauptverhandlung über mehrere Tage vorangegangen, kann sich die Urteilsabsetzungsfrist auch entsprechend verlängern (§ 275 Abs. 1 S. 2 Hs. 2 StPO).

In seinem Beschluss vom 10. Juni 2016 – (4) 121 Ss 75/16 (99/16) geht das Kammergericht näher auf die große Bedeutung der Urteilsabsetzungsfrist ein und stellt klar, dass diese Frist nicht nur der Verfahrensbeschleunigung dient, sondern auch sicherstellen soll, dass die schriftlichen Urteilsgründe mit dem Beratungsergebnis übereinstimmen. Bezugnehmend auf die Rechtsprechung des OLG Hamm heißt es weiter: „ein längeres Hinausschieben der Urteilsabfassung könnte die Zuverlässigkeit der Erinnerung des Urteilsabfassers beeinträchtigen und damit zu einer schriftlichen Urteilsbegründung führen, die möglicherweise nicht mehr durch die beratenen Entscheidungsgründe gedeckt ist“.

Den Ausführungen des Kammergerichts liegt ein angefochtenes Berufungsurteil des Landgerichts Berlin mit den Tatvorwürfen der Beleidigung, Verleumdung und Nachstellung zugrunde, welches am 06. November 2015 verkündet wurde, wegen zwischenzeitlicher krankheitsbedingter Abwesenheit der Vorsitzenden Richterin – der einzigen Berufsrichterin der kleinen Strafkammer – jedoch erst am 20. Januar 2016 mit den Gründen zu den Akten gelangt ist. Die Urteilsabsetzungsfrist endete bereits am 11. Dezember 2015, war also eindeutig überschritten.

Gemäß § 275 Abs. 1 S. 4 StPO darf die Urteilsabsetzungsfrist unter Umständen sogar überschritten werden, aber nur wenn und solange das Gericht durch einen im Einzelfall nicht voraussehbaren unabwendbaren Umstand an ihrer Einhaltung gehindert worden ist. Dazu zählt auch eine nicht vorhersehbare Erkrankung des Richters, welche zur Dienstunfähigkeit führt.

Im vorliegenden Fall war die Vorsitzende aber nicht dauerhaft dienstunfähig gewesen, sondern für einen kurzen Zeitraum ab dem 19. Dezember 2015 wieder genesen, bevor sie Anfang Januar 2016 erneut erkrankte. In diesem Zeitraum war sie darauf bedacht, ein weiteres Berufungsurteil unverzüglich abzusetzen, das zeitlich noch vor dem hier in Rede stehenden Urteil verkündet worden war. Zudem bereitete sie eine für den 30. Dezember 2015 terminierte Hauptverhandlung in einem weiteren Strafverfahren vor, in dem die Tatvorwürfe aus dem Jahr 2012 stammten. Es ist also nachvollziehbar, dass diese Strafsachen auch bearbeitet und abgeschlossen werden mussten, zumal die Vorsitzende Richterin nur mit einem halben Richterpensum in der Rechtsprechung eingesetzt war.

Das Kammergericht erkennt diese Notwendigkeit der Bearbeitung der anderen Strafverfahren im Grunde auch an. Dennoch stellt es in seinem Beschluss klar, dass die Absetzung bereits verkündeter Urteile vorrangig zu erfolgen gehabt hätte. Insbesondere, wenn die Urteilsabsetzungsfrist bereits verstrichen war, hätten diese Urteile dann nach Wiederherstellung der Dienstfähigkeit der Richterin „unverzüglich, ohne jede weitere Verzögerung und mit Vorrang vor anderen Dienstgeschäften“ zu den Akten gebracht werden müssen. Demgegenüber sei die Vorbereitung einer bald stattfindenden Hauptverhandlung eine „aufschiebbare“ Dienstpflicht gewesen, die hätte zurücktreten müssen. Nach Auffassung des Kammergerichts hätte der angesetzte Hauptverhandlungstermin ggf. dem als Vertreter vorgesehenen Richter übertragen oder verlegt werden müssen. Hinzu kommt, dass die Berufung auf den Rechtsfolgenausspruch beschränkt war, dem Urteil eine Verständigung vorausgegangen ist und der Umfang der Beweisaufnahme „überschaubar“ gewesen war. Angesichts dieser Umstände hat das Kammergericht entschieden, dass das angegriffene Urteil jedenfalls auch in dem Zeitraum ab dem 19. Dezember 2015 zu den Akten hätte gebracht werden können.

Im Ergebnis führt die Überschreitung der Urteilsabsetzungsfrist hier zum Vorliegen des absoluten Revisionsgrundes gemäß § 338 Nr. 7 StPO, sodass das angegriffene Urteil im Juni 2016 vom Kammergericht aufgehoben und zu neuer Verhandlung und Entscheidung an eine andere kleine Strafkammer des Landgerichts Berlin zurückverwiesen wurde. So korrekt dieser Verfahrensgang sein mag, das oben dargelegte Hauptargument der Verfahrensbeschleunigung bekommt in diesem Zusammenhang – jedenfalls aus Sicht des Angeklagten – wohl einen eigenartigen Beigeschmack.

Für die, die es ganz genau wissen wollen: Der ASSEX-Vorbereitungslehrgang „Anklageschrift, Einstellungsverfügung, Dezernat und Plädoyer“ in 14. Auflage

Bücher Strafrecht

Es soll vorkommen, dass Referendare in der Staatsanwaltschaftsstation brauchbare Verfügungen und Anklagen verfassen möchten und nicht nur das für die Klausur Nötigste mitnehmen wollen. Für diese Zielgruppe erscheint im Lange Verlag der Titel „Anklageschrift, Einstellungsverfügung, Dezernat und Plädoyer“ von Solbach/Auchter-Mainz/Deller/Schützeberg in mittlerweile vierzehnter Auflage.

Die kleine Reihe (ASSEX steht für Assessorexamen) zeichnet sich optisch seit jeher neben dem knallig-roten Einband vor allem durch eine etwas spröde Anmutung aus. Dies betrifft nicht nur das Cover, sondern auch das Inhaltsverzeichnis und die Übersichten. Sollte einmal etwas Geld aufzutreiben sein, würden wir empfehlen, dass sich einmal ein Setzer dieses Problems annimmt. Jedenfalls das fünfseitige Inhaltsverzeichnis macht wenig Appetit auf die nachfolgende Lektüre.

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Die Autoren behandeln knapp die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen (rund 30 Seiten), ausführlicher die unterschiedlichen Verfügungen (rund 60 Seiten), die Anklage als Schwerpunkt der Examensklausur (70 Seiten), die Einstellung des Verfahrens als Schwerpunkt der tatsächlichen staatsanwaltlichen Tätigkeit (50 Seiten) und schließlich die Aufgaben während der Sitzungsvertretung einschließlich des Plädoyers (30 Seiten). Hinzu kommen vier Bearbeitungsmuster zum selbständigen Üben des zuvor Gelesenen einschließlich Lösungsvorschlägen (50 Seiten) sowie 70 Wiederholungsfragen.

Die Schwierigkeit eines solchen Werkes besteht wohl darin, dass es ein Gefühl für die Notwendigkeit bestimmter Formulierungen und Formerfordernisse vermitteln muss, die auch sich heraus nicht immer verständlich sind. Die Autoren lösen dies, indem einen häufig vorkommenden Fall erläutern, dabei ein der Praxis entlehntes Formulierungsbeispiel abdrucken, und dann dasselbe für die abweichenden Konstellationen durchexerzieren. Beispielhaft: 1. Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gegen einen Flüchtigen 2. Antrag auf Erlass eines Haftbefehls gegen einen vorläufig Festgenommenen 3.Beschwerde gegen die Ablehnung des Erlasses eines Haftbefehls 4. Beschwerde gegen den Verschonungsbeschluss mit Antrag auf Aussetzung der Vollziehung der angefochtenen Entscheidung nach § 307 II 5. Entlassungsverfügung vor Aufhebung des Haftbefehls … jeweils einschließlich der nötigen Verfügungen und der Hinweise auf die Nummern der RiStBV.

Da sich auf diese Weise einiges wiederholt, setzt schnell – positiv geframed – ein Lerneffekt ein. Man könnte aber auch eine gewisse Ermüdung notieren. Auch wird der Titel auf diese Weise in Teilen eher zu einem Nachschlagewerk bzw. einer Formelsammlung, denn zu einem Lehrbuch zur selbständigen Aneignung des Stoffes. Aber das mag Geschmackssache sein. Eine alternative Vermittlungsstrategie könnte darin bestehen, zunächst auf das Gemeinsame der verschiedenen Verfügungen und Anträge en bloc hinzuweisen, und dann die einzelnen Ausnahmen zu besprechen.

Unschlüssig schauen wir auch auf das „Examinatorium“, 70 Wiederholungsfragen, deren Auswahl leider etwas erratisch daherkommt. Grundsätzlich ist knappen Frage- und Antwortspielen (gerade auf Karteikarten) sehr viel abzugewinnen. Hier erschließt sich die getroffene Auswahl aber nicht. Vor allem aber sind die Fragen und Antworten nicht so gut, dass sie den werbenden Coverstempel „Mit dem ASSEX Examinatorium“ verdient gehabt hätten.

Fazit: Anklageschrift, Einstellungsverfügung, Dezernat und Plädoyer aus der Reihe „ASSEX-Vorbereitungslehrgang zum Assessorexamen“ wird dem Referendar in der StA-Station, der ordentlich mitarbeiten will bzw. dem viele unterschiedliche Verfügungen abverlangt werden, gute Dienste erweisen. Das Werk geht detailliert auf alle Besonderheiten ein und liefert eine große Zahl an Formulierungsbeispielen und Satzbausteinen für Verfügungen, Anträge, Schriftsätze an Verletzte etc. und schließlich das Plädoyer. Satz und Examinatorium können hingegen nicht ganz mithalten.

Solbach/Auchter-Mainz/Deller/Schützeberg: Anklageschrift, Einstellungsverfügung, Dezernat und Plädoyer (Assex), 14. Auflage, Lange Verlage, Düssseldorf 2016.

Allein eine zu erwartende Strafhöhe von zwei Jahren begründet keine Fluchtgefahr

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Es ist nicht selten, dass ein Haftbefehl aufgehoben werden muss, weil die strengen Voraussetzungen der §§ 112 ff. StPO nicht vorliegen. Erst kürzlich haben wir an dieser Stelle über zwei Entscheidungen berichtet, bei denen der Haftgrund der Fluchtgefahr genauer unter die Lupe genommen wurde. Nun hat das Kammergericht sich noch einmal ausführlich mit der Fluchtgefahr beschäftigt und eine lesenswerte Entscheidung zu den strengen Grundsätzen dieses Haftgrundes getroffen.

Ausgangspunkt ist eine vor der Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Berlin erhobene Anklage der Staatsanwaltschaft, in der dem Angeklagten 35 bandenmäßig begangene Fälle der Steuerhinterziehung sowie zwei Fälle der Anstiftung zu einer falschen Versicherung an Eides statt zur Last gelegt werden. Wegen dieser Sache befindet sich der Angeklagte seit dem 13. Oktober 2014 in Untersuchungshaft. Die Hauptverhandlung findet seit dem 21. Mai 2015 statt. Am 25. Juli diesen Jahres beantragte der Angeklagte erneut die Aufhebung des Haftbefehls, die das Landgericht mit Hinweis auf Fluchtgefahr ablehnte und die Haftfortdauer beschloss. Der Angeklagte legte sodann Beschwerde beim Kammergericht ein, das nun über die Rechtmäßigkeit des Haftbefehls zu entscheiden hatte.

Die Begründung der Fluchtgefahr durch das Landgericht Berlin wies einige Mängel auf, die das Kammergericht nacheinander abhandelte. Die wohl gravierendste Annahme des Landgerichts bezog sich auf die Begründung der Fluchtgefahr mit der Straferwartung des Angeklagten. Denn das Landgericht begründete die Aufrechterhaltung des Haftbefehls im Wesentlichen damit, dass der nach der Anrechnung der Untersuchungshaft noch verbleibende Strafrest immer noch zwei Jahre deutlich überschreite. Dies sei die Grenze, bei der es weiterer, die Fluchtgefahr begründender Tatsachen nicht mehr bedürfe und nur noch zu prüfen sei, ob es eventuell die Fluchtgefahr mindernde Umstände gäbe.

Dieser Argumentation trat das Kammergericht entschieden entgegen. Zwar stimmte es mit dem Landgericht Berlin dahingehend überein, dass bei der Nettostraferwartung unter Anrechnung der Untersuchungshaft für den Angeklagten derzeit ein Rest von zwei Jahren und einem Monat offen sei. Daraus folge jedoch kein besonderer Fluchtanreiz. Denn nach Ansicht des Kammergerichts gibt es keine Grenze von etwa zwei Jahren, bei der allein aus einer solchen Straferwartung Fluchtgefahr herzuleiten ist. Vielmehr verweigert das Kammergericht mittlerweile eine schematische Beurteilung der Fluchtgefahr anhand vorgeschriebener Kriterien. In seinem Beschluss betonte es, dass insbesondere die Annahme unzulässig sei, bei einer Straferwartung in bestimmter Höhe bestehe stets (oder nie) ein rechtlich beachtlicher Fluchtanreiz. Denn andernfalls würde die Gefahr einer unzulässigen Haftgrundvermutung allein wegen einer bestimmten Strafhöhe bestehen.

Offen lässt das Kammergericht hingegen die Fragen, ob es bei einer besonders hohen Straferwartung gerechtfertigt ist, an Tatsachen, die den Fluchtanreiz entkräften können, erhöhte Anforderungen zu stellen und wann eine solche besonders hohe Straferwartung überhaupt anzunehmen wäre. Liest man den Beschluss des Kammergerichts allerdings zwischen den Zeilen, so dürfte es sich von solchen pauschalen Grundsätzen eher abwenden.

Der Beschluss des Kammergerichts zeigt wieder einmal, dass man sich vor allem bei dem Haftgrund der Fluchtgefahr nicht auf pauschale Annahmen der Gerichte verweisen lassen sollte. Denn bei solch einer einschneidenden Maßnahme wie dem Haftbefehl muss der Haftgrund im Einzelfall ausreichend begründet werden.

Hier finden Sie den lesenswerten Beschluss des Kammergerichts, der auch weitere Aspekte der Fluchtgefahr aufwirft.

Rechtsanwalt Dietrich, Fachanwalt für Strafrecht aus Berlin

160 Seiten Klausurtipps: Kaiser/Bracker: Die Staatsanwaltsklausur im Assessorexamen

Endlich ein Buch mit klar erkennbarer Zielgruppe. Horst Kaiser und Ronald Bracker führen – mittlerweile in der 5. Auflage – auf 160 lesefreundlich gesetzten A4-Seiten durch die gängigen prozessualen Probleme im Rahmen der Staatsanwaltsklausur im Assessorexamen. Wer diese Klausur gerade nicht vor der Brust hat (= bis 1,5 Jahre vor dem Termin), für den ist das Buch nichts. Die Zielgruppe hingegen wird von diesem Werk profitieren.

Staatsanwaltsklausur

Kaiser und Bracker behandeln selbstverständlich alle Teile der Klausur (A-Gutachten, Prozessuales Gutachten, Abschlussverfügung, Anklage). Einen Schwerpunkt bilden aber die fehlerhaften Beweiserhebungen und Verwertungsverbote im Rahmen des A-Gutachtens, denen 40 Seiten gewidmet werden. Die insgesamt 16 Problembereiche des prozessualen Gutachtens (das sachlich zuständige Gericht, örtliche Zuständigkeit, Anklage und besondere Verfahrensarten, §§ 154, 154a StPO, Privatklagedelikte, § 170 II, §§ 153, 153a StPO, Notwendige Verteidigung, Nebenklage, Untersuchungshaft, § 111a StPO, Beschlagnahme und Herausgabe, Verbindung und Trennung, Mitteilungen, Beweismittel sowie die Besetzung der Strafkammer in der HV) werden demgegenüber eher gleichmäßig auf jeweils nur zwei Seiten behandelt. Den Formalia der Abschlussverfügung und der Anklageschrift wird wieder mehr Raum gewährt.

Positiv hervorzuheben ist die Vielzahl (und das kann man durchaus wörtlich nehmen) von Formulierungshilfen und Prüfungsschemata in allen Teilen des Buches.

Wer plant, das Werk in einem Rutsch durchgzulesen, dem wird angesichts der konzentrierten Darstellung wohl rasch der Kopf schwirren. In jedem Fall ist eine gehörige Portion Vorwissen nötig, weil sich die Autoren darauf konzentrieren, wie man das vorausgesetzte StPO-Wissen clever in eine gefällige Klausur umwandelt.

Dabei arbeiten sie gern mit Negativ-Beispielen, die sie echten Klausurlösungen entnommen haben wollen. Dies ist hilfreich, zum einen, weil sich dann der Referendar, der eine ähnliche Formulierung gewählt hätte, weniger dumm fühlt und darüber hinaus, weil die Autoren zumeist, wenngleich mit dem leider unvermeidlich Repetitor-Besserwisserslang, diese Beispiele nicht im Regen stehen lassen sondern erläutern, warum die angeprangerte Wortwahl falsch/ungeeignet ist/zum sofortigen Durchfallen der Klausur führt (nur ein Spaß).

Angesichts dieser Referendarsorientierung verwundert es allerdings ein wenig, dass die Autoren auf Übungsbeispiele und konkretere „How-to’s“ verzichten. Zwar gibt es ein einleitendes Kapitel zur Examensvorbereitung (Klausuren üben…), der Klausurbearbeitung (lesbare Schrift, Korrekturrand…) und dem Gutachten selbst. Dieses ist aber sehr allgemein gehalten und vermittelt keine praktischen Fähigkeiten, z. B. darüber, wie man bspw. aus der Akte die nötigen Informationen zieht.

Zudem kommt das Problem der Wahlfeststellung (wie auch in dieser Rezension) etwas unvermittelt.

Darüber hinaus ist die Stärke des Buches, die Beschränkung auf die möglichst risikolose Bewältigung der StA-Klausur an mehreren Stellen auch eine Schwäche. So wie in den Repetitorien vermittelt wird, in Zweifelsfällen die law&order-Position zu vertreten, wirbt auch das Buch von Kaiser und Bracker für eine am Leser (also Korrektor) ausgerichtete Problembehandlung:

Der Beschuldigte gesteht
Diese Konstellation ist einfach zu bewältigen. Denn selten gibt es Anlass, an der Richtigkeit eines Geständnisses zu zweifeln. (S. 21)

Dies mag für die Klausur der Erfolgsweg sein. Aber was macht eine solche Ausbildungsliteratur mit den zukünftigen Staatsanwälten und Richtern? Ein kurzer Satz, der diesen Rat in die Wirklichkeit des Strafverfahrens, in der es einen Unzahl von Motiven für ein falsches oder zumindest teilweise falsches Geständnis gibt, einordnet, erscheint hier sinnvoll.

Ähnliches (allerdings von den Autoren schon besser eingeordnet) gilt für S. 94:

Der Beschuldigte kann sich aufgrund des Haftbefehls eines Amtsgerichts aber auch bereits in Untersuchungshaft befinden, sodass von Ihnen in Ihrer Rolle als Staatsanwalt zu prüfen ist, ob die Voraussetzungen für den weiteren Vollzug der Untersuchungshaft noch vorliegen. [… Dabei ist zu beachten:] Niemand sitzt wirklich in Haft! Sie müssen also nicht um jeden Preis der Rechtsstaatlichkeit zum Sieg verhelfen sondern sollen eine Examensklausur möglichst elegant und sicher lösen! Es muss für Sie also darum gehen, einen bereits existierenden Haftbefehl mit halbwegs tragbarer Begründung zu „halten“.

Im Ergebnis ist „Die Staatsanwaltsklausur im Assessorexamen“ eine sinnvolle Lektüre, mithilfe derer der Referendar an der Erfahrung der Autoren als Leiter von Referendararbeitsgemeinschaften und Repetitoriumskursen und an der Auswertung vieler Examensklausuren partizipieren kann. Zudem laden der überschaubare Umfang und die Leseransprache dazu ein, das Buch tatsächlich bis zum Ende durchzulesen. In diesem Sinne: Prosit!

Kaiser/Bracker: Die Staatsanwaltsklausur im Assessorexamen, 5. Aufl., Vahlen, München 2016. 19,80 €

Ungebühr im Gerichtssaal – Richter setzt Ordnungsgeld gegen den Angeklagten fest

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Im Strafverfahren kann es schon mal emotional werden – schließlich steht für die auf der Anklagebank sitzende Person oder andere Betroffene viel auf dem Spiel. Nicht jedem gelingt es in dieser Situation, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Auch vor dem Amtsgericht Bocholt schien es einem Angeklagten schwer zu fallen, der Verhandlung ruhig zu folgen. Laut Sitzungsprotokoll verweigerte der Angeklagte schon zu Beginn der Hauptverhandlung das Hinsetzen und forderte von dem Richter Unterlagen ein, aus denen sich dessen Befugnis, staatlicher Richter zu sein, ergeben sollte. Als dann Zeugen vernommen wurden, zeigte der Angeklagte mit „dem nackten Finger“ auf den Richter und die Wachtmeister. Dem Richter wurde es wohl spätestens in diesem Zeitpunkt zu bunt, sodass er dem Angeklagten ein Ordnungsgeld androhte. Von dieser Androhung unbeeindruckt, begann der Angeklagte sich weiter „lautstark zu erregen“. Daraufhin setzte der Richter gegen den Angeklagten ein Ordnungsgeld in Höhe von 150 Euro, ersatzweise drei Tage Ordnungshaft, fest, weil sich dieser „in der Hauptverhandlung trotz mehrfacher Abmahnung einer Ungebühr schuldig gemacht“  habe.

Ungebühr? Der jüngeren Generation dürfte dieser Begriff wohl nicht unbedingt mehr geläufig sein. Schlägt man das Gerichtsverfassungsgesetz (GVG) auf, so findet man den Begriff in § 178 Abs. 1 GVG nach dem gegen Parteien, Beschuldigte, Zeugen, Sachverständige oder bei der Verhandlung nicht beteiligte Personen, die sich in der Sitzung einer Ungebühr schuldig machen, vorbehaltlich der strafgerichtlichen Verfolgung ein Ordnungsgeld bis zu eintausend Euro oder Ordnungshaft bis zu einer Woche festgesetzt und sofort vollstreckt werden kann. Gegen einen solchen Beschluss kann Beschwerde eingelegt werden, was der Angeklagte auch machte, sodass das Oberlandesgericht (OLG) Hamm  am 06.10.2016 – 4 Ws 308/16 in der Sache entscheiden musste.

Das OLG Hamm unterstützte den Richter des Amtsgerichts Bocholt und hielt das Ordnungsgeld aufrecht. Das Verhalten des Angeklagten, sich zweifach im Beisein des gerade vernommenen Zeugen lautstark zu erregen bzw. seine Stimme zu erheben, stufte es als eine Ungebühr i.S.d. § 178 GVG ein.

Nach ständiger Rechtsprechung erfordert Ungebühr ein Verhalten, das geeignet ist, die Ordnung der Gerichtsverhandlung erheblich zu stören. Ungebühr drückt die Missachtung der Aufgaben des Gerichts aus und stellt einen Angriff auf die Würde und das Ansehen des Gerichts dar. Doch nicht jede Störung wird mit einem Ordnungsgeld geahndet. Das OLG Hamm betonte vielmehr, dass eine sich aus der gereizten Verhandlungssituation ergebende Entgleisung nicht zwingend Ungebühr im Sinne des § 178 GVG ist, vor allem wenn es sich um Angeklagte oder Betroffene eines Strafprozesses handele.

Eine solche bloß temperamentvolle Reaktion vermochte das OLG Hamm in diesem Fall jedoch nicht zu erkennen. Schließlich sei der Angeklagte schon während der Sitzung in verschiedenen Zusammenhängen zur Mäßigung ermahnt worden. Das lautstarke Erheben der Stimme im Beisein des gerade zu vernehmenden Zeugen sei vielmehr geeignet, den Ablauf der Zeugenvernehmung zu stören, ihn einzuschüchtern und damit sein Aussageverhalten zu beeinflussen. Insofern stelle das Verhalten des Angeklagten auch nach Ansicht des OLG Hamm einen erheblichen Angriff auf den justizgemäßen Ablauf der Sitzung dar.

Rechtsanwalt Dietrich, Fachanwalt für Strafrecht aus Berlin-Kreuzberg

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