Susanne Baer, Inhaberin eines Lehrstuhls für öffentliches Recht und Geschlechterstudien und seit 2011 Richterin am Bundesverfassungsgericht (1. Senat) hat im Nomos-Verlag ein Lehrbuch zur Rechtssoziologie veröffentlicht, das mittlerweile in 2. Auflage erschienen ist. Und ich habe es verschlungen.

Das Buch erscheint mir ausgesprochen klug, viel klüger als ich – 🙂 – oder die Autorin selbst, weil es mit erfreulicher Regelmäßigkeit eigene und herbeigetragene Aussagen darüber, was Recht ist und wie es in Frage stellt. Dies hat zur Folge, dass der Leser das – im Umfang vielleicht etwas knappe – Werk nicht lediglich konsumiert, sondern immer wieder mit einem provokativen „Überzeugt Sie das?“ (o.ä.) aufgeschreckt und zum Selber-Denken animiert wird. Das ist um so vieles besser als die Pseudo-Kontrollfragen, die in den sonstigen Lehrbüchern am Kapitelende notiert sind, und sich dann auch noch für „didaktisch“ halten. Statt dieser „Kontrollfragen“ listet Baer am Kapitelende regelmäßig Forschungsfragen auf, über die nachzudenken sich lohnt. Und die mithilfe des kleinen (aus meiner Sicht zu kleinen!) Kapitels zu Methoden der empirischen Sozialforschung zu einem ersten Forschungsdesign für Studienarbeiten anwachsen könnten.

Ebenso zeigt Baer, dass wir bei allen Betrachtungen des Rechts, allen (Vor-)Urteilen und wahrgenommenen Problemen (und deren wissenschaftlicher Behandlung) immer wieder auf die Grundfrage zurückgeworfen werden, was für uns (!) Recht nun eigentlich sein soll. So dröselt die Autorin immer wieder mühsam auf, wie die im Verlauf des Buches behandelten Rechtsphänomene innerhalb der zu Beginn behandelten Theoriesysteme betrachtet und bewertet werden, was sich selbstverständlich positiv auf das Verständnis dieser Grundlagen auswirkt.

Im Ergebnis hat Baer ein wichtiges Buch geschrieben, dem man seine wissenschaftspolitische, didaktische Ausrichtung zum Glück auf fast jeder Seite anmerkt: Liebe Studierende der Rechtswissenschaft, lest dieses Buch und ergänzt mit ihm euer angelerntes Streitstands- und Definitionswissen und eure erlernte Kompetenz in der juristischen Fallbearbeitung um einen Einblick in die Untersuchung dessen, was Recht tatsächlich ist und sein kann – zunächst für euch – und später für die „Rechtsunterworfenen“, die mit euren Entscheidungen zu leben haben, die von euch am Gericht, in der Staatsanwaltschaft oder als Anwältin bzw. Anwalt getroffen werden.

Susanne Baer
Rechtssoziologie
2. Auflage 2015
292 Seiten, Brochiert
ISBN 978-3-8487-0603-7
Nomos
24 €

Das Buch kann hier bestellt werden.

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