„Jeder Mensch hat seinen Abgrund“ von Norbert Nedopil

Kurz vor Schluss lese ich diesen Satz, der das erste Sachbuch von Herrn Prof. Dr. Norbert Nedopil treffend zusammenfasst.

Ich weiß aber natürlich, dass mein Fach [die forensische Psychiatrie] für die meisten Menschen so undurchschaubar und unheimlich ist, dass es ihnen vielleicht ein bisschen Angst macht. Angst entsteht, wenn man mit etwas konfrontiert wird, was man nicht kennt und was man nicht gewohnt ist.

Damit ist im Grunde alles beschrieben, was dieses Buch ausmacht. Der Leser lernt nur sehr wenig über forensische Psychiatrie, dafür bekommt er angelesene Erkenntnisbrocken aus anderen Disziplinen geliefert. Allein die knappen Fallskizzen gefallen.

Nedopil

Die meisten dürften den Unterschied zwischen einer Vorlesung bei einem Wissenschaftler und der Vorlesung beim Praktiker kennen. Während der Wissenschaftler die Strukturen erläutert, anhand von Lehrbeispielen veranschaulicht und die Anforderungen der nächsten Klausur im Blick hat, erzählt der Praktiker immer wieder aus seinem Berufsleben, meist ist es amüsant, die Studenten fühlen sich gut unterhalten, erkennen aber bald die Unterkomplexität der Darstellunge und fragen sich Tage später, ob sie – abgesehen von Anekdoten – in den anderthalb Stunden irgendetwas gelernt haben, was ihnen in ihrem eigenen Leben weiterhilft.

Dieses Buch ist wie eine Vorlesung beim Praktiker. Im Wesentlichen ist es eine Aneinanderreihung von – immerhin pointiert niedergeschriebenen – Fallskizzen der von Nedopil begutachteten Täter, lose zusammengehalten durch die Kapitel „Begegnung mit dem Bedrohlichen“, „Die Erforschung der Täterpersönlichkeit“, „Triebkräfte des Verbrechens“, „Täter und Opfer“, „Die Realität und Ihre Rekonstruktion“, „Das Verbrechen und die Gesellschaft“ sowie „Das dünne Eis der Zivilisation“.

Wenn die forensische Psychiatrie undurchschaubar und unheimlich ist, warum dann nicht etwas Licht hineinbringen? Warum nicht jenen erwidern, die dieses Gebiet immer wieder als Glaskugelgucken, seine professionell Involvierten als Schamanen bezeichnen? Warum sich stattdessen beispielsweise auf 30 Seiten Gier, Neid, Narzissmus, Rache und Wut als Ursachen von Kriminlität widmen?. Ich jedenfalls kann nicht verstehen, weshalb nicht wenigstens der Versuch unternommen wurde, die Diagnosegruppen nach ICD-10 für Laien verständlich zu machen, darzustellen, welche Kriterien erfüllt sein müssen und an welchen es in den untersuchten Fällen gefehlt haben mag.

Es ist ein Leichtes, die Medien dafür zu kritisieren, Straftäter pauschal als „Bestie“ zu brandmarken, dann aber den häufig auch interessierten Journalisten, generell den Lesern seines auf breite Rezeption zielenden Alterswerks, eine echte Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen nicht zuzumuten. Dass dies offenbar auch für den Gerichtssaal gilt, scheint ein weiteres Zitat zu belegen:

Diese Ausgangslage [die Unfähigkeit der Menschen, Risiken rational zu bewerten] erschwert es dem Fachmann, seine Ergebnisse als Wissenschaftler zu vermitteln. Es muss sich darüber bewusst sein, dass er nur sehr begrenzt durch Fakten überzeugen kann, wenn Emotionen die Wahrnehmung vernebeln. Sind die Diskrepanzen zwischen seinem Wissen und der Erwartungshaltung seiner Zuhörer zu groß, wird er mit seinem Anliegen der Objektivität scheitern. Er muss sich also so ausdrücken, dass die Diskrepanz zu überbrücken ist und die Kluft nicht zu tief wird.“

Ist das schon postfaktisch? Ich denke, das Gegenteil ist richtig. Forensische Gutachten werden für Juristen geschrieben. Und Juristen lieben es, Kriterien genannt zu bekommen, die in der Folge geprüft werden. Und das allerbeste: Sie stellen die Kriterien nicht infrage, da vertrauen sie blind dem, der die Kriterien aufgestellt hat. Sei er nun Gesetzgeber oder Wissenschaftler. Und selbst wenn sie sich doch durch markige Worte blenden lassen sollten? Können wir ihnen dann für die Zukunft die mühevolle echte Auseinandersetzung mit der für sie fremden Wissenschaft ersparen? Angesichts des enormen Einflusses des psychiatrischen Gutachtens auf die Rechtsfolgenentscheidung sollte die Antwort eigentlich klar sein.

Und schließlich: Vor etwas einem Jahr saß ich mit Prof. Max Steller zusammen und wir sprachen über sein Buch „Nichts als die Wahrheit? Warum jeder unschuldig verurteilt werden kann.„. Auch er arbeitete mit einer Ghostwriterin zusammen, deren Ergebnis konnte sich jedoch in jeglicher Hinsicht sehen lassen: Ein lesenswertes Buch über das Lebensthema des Autors, dank der Mitarbeit der Ghostwriterin zudem lesbar und zugänglich.

„Jeder Mensch hat seinen Abgrund“ ist aber in weiten Teilen oberflächlich und durcheinander. Es wäre einfach, dies Nedopils Ghostwriterin Shirley Michaela Seul anzulasten, die sonst Bücher wie „Mein Powerprogramm für echte Männer ab 50“ oder „Lust auf Wurst“ co-verantwortet. Aber es geht nicht, weil Seul beide Bücher geschrieben hat. Dies lässt mich ein wenig ratlos zurück. So bleibt nur die Vermutung, der Qualitätsunterschied beruht darauf, dass Nedopil – anders als Steller – lediglich Erkenntnisse aus der Kriminologie, Kriminalistik, Psychologie und Biologie vermengt, während er sein eigentliches Steckenpferd – die forensische Psychiatrie – nur ganz am Rande behandelt. Schade.

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