Schönke/Schröder feiert runden Geburtstag – soeben erschien die 30. Auflage

Der Schönke/Schröder geht den Weg alles Irdischen: Er wird von Jahr zu Jahr immer dicker. Auf 3361 Seiten kommentiert eine überwiegend männliche süddeutsche Community  (wobei aus Berliner Perspektive fast alle deutschen Städte außer Hamburg in Süddeutschland zu finden sind) um den mittlerweile 83jährigen Albin Eser, namentlich Detlev Steinberg-Lieben, Nikolaus Bosch, Jörg Kinzig, Bettina Weißer, Walter Perron, Jörg Eisele, Bernd Hecker, Frank Schuster und Ulrike Schittenhelm das Strafgesetzbuch mit einer Liebe fürs Detail, die selbst manchem Großkommentar abgeht.

Während sich in so manchem einbändigen Kommentar über die Jahre hinweg immer mehr Tippfehler, Ungenauig- und Oberflächlichkeiten ansammeln und die zum Beleg herangezogene Rechtsprechung immer häufiger mit den Erläuterungen jedenfalls in einem gewissen Spannungsverhältnis, nicht selten auch Widerspruch steht, weil der Umfang der zeitgenössischen „Hand- oder Kurzkommentare“ von gut und gern zweieinhalbtausend Seiten von ein oder zwei Autoren, zumal häufig Praktikern mit einem „eigentlichen“ Job (maW Richter) und ohne den passenden Mitarbeiterstab in keinem Fall mehr mit der nötigen Sorgfalt beherrscht werden können, tut es gut, in einem sorgfältig recherchierten, durchdachten und redigierten Werk zu lesen, das von jenen erarbeitet wird, die genau für diese Tätigkeit berufen worden sind: Die zehn Autoren des Schönke/Schröder sind sämtlich Professoren.

Schönke/Schröder 2019

Freilich ist der Schönke/Schröder recht voraussetzungsvoll – die schnelle Definition oder das kurze Prüfungsschema findet man woanders besser. Geht es aber an die Seminararbeit oder mehr, oder muss man aufgrund eines verzwickten Praxisproblems einmal tiefer als bis zur allbekannten BGH-Leitsatzentscheidung einsteigen, kommen zahlreiche Veröffentlichungen schnell an ihre Grenzen, der Schönke/Schröder kann aber erst hier sein ganzes Potenzial ausspielen kann. Das ist Fluch und Segen zugleich. Wer sich gerade für das Strafrecht entschieden hat, weil er von juristischen Problemen verschont werden will, der wird auch mit dem Schönke/Schröder nicht glücklich werden. Wer sich aber auch im hektischen Verteidiger- und Strafrichteralltag Zeit und Ruhe für eine nachhaltig gültige Erfassung der Rechtslage nimmt, der wird an diesem Werk nicht vorbeikommen.

Die Vorauflage (Nr. 29.) ist mittlerweile 4 Jahre alt, in Zeiten moderner Strafgesetzgebung also etwa 7 Legislaturperioden. Die 30. Auflage hat daher 200 Gesetzesänderungen berücksichtigt, darunter tatsächlich relevante wie die Reform der strafrechtlichen Vermögensabschöpfung, das 54. StÄG zur Bekämpfung der sog. organisierten Kriminalität, das Gesetz zur effektiveren und praxistauglichen Ausgestaltung des Strafverfahrens und auch eher journalistisch relevante wie die Strafbarkeit nicht genehmigter Kraftfahrzeugrennen im Straßenverkehr, die Neuerungen zum Sportwettbetrug und zur Manipulation von berufssportlichen Wettbewerben.

Wir haben uns die Neukommentierungen angesehen und sehr viel Gutes entdeckt. Sobald der neue Schönke/Schröder im Praxisalltag eingesetzt worden ist, gibt es an dieser Stelle ein Update.

Alles prima also? Nun ja, am Preis wird man doch zu meckern haben. Lobten die Käufer der 29. Auflage noch die moderate Preissteigerung um lediglich einen Euro bei 200 zusätzlichen Seiten, addiert der Verlag nun immerhin 20 Euro auf den Verkaufspreis – bei (zugegeben) sehr dünn gedruckten – 150 neuen Seiten. Ob das an der Zweitverwertung in Beck Online oder an der größeren Notwendigkeit eines Neukaufs angesichts von der gesetzgeberischen Aktivität der letzten Jahre liegen mag, werden allein die Verkaufsstrategen in München beantworten können.

Albin Eser et al. (Hrsg): Schönke/Schröder, Strafgesetzbuch, Kommentar, 30. Auflage, Beck, München 2019, 3361, 179 €.

Kuhn/Weigend/Görlich – Steuerstrafrecht – eine lesenswerte Anleitung für die ersten Schritte im steuerstrafrechtlichen Mandat

Kuhn und Görlich legen mit dem Lehrbuch „Steuerstrafrecht“ eine gelungene dritte Auflage des seit eh und je anerkannten Einstiegswerks für angehende Verteidiger im Steuerstrafrecht vor. Aus der Sicht sowohl eines Fachanwalts für Strafrecht und eines Fachanwalts für Steuerrecht werden die Besonderheiten beider Welten anschaulich, pointiert und ohne irgendwelches Vorwissen vorauszusetzen dargestellt. Dies gelingt insbesondere auf der Grundlage des durchdachten dreiteiligen Aufbaus des Werks: Je etwa 75 Seiten widmen die Autoren dem materiellen Steuerstrafrecht und dem Strafprozessrecht, weitere rund 40 Seiten behandeln die Probleme der Selbstanzeige.

Im materiellen Teil geht es in erster Linie um die Steuerhinterziehung nach § 370 AO. Die Autoren behandeln die sich aus dem Allgemeinen Teil des StGB ergebenden und im Rahmen der Verteidigung gegen den Vorwurf der Steuerhinterziehung relevanten Probleme, informieren anhand von Strafzumessungstabellen über übliche strafrechtliche Folgen in den verschiedenen Bundesländern und erörtern umfassend sonstige Nebenfolgen einschließlich Haftungsfragen. Zahlreiche Praxisbeispiele werden in Kästen optisch abgesetzt und erleichtern das Verständnis der etwas abstrakteren Teile enorm.

Der prozessuale Teil führt chronologisch von der ersten Durchsuchung bis zum Rechtsmittelverfahren und gibt einen guten und gedrängten Überblick, welche Einwirkungsmöglichkeiten der Verteidiger in den jeweiligen Verfahrensabschnitten hat. Wiederkehrende Abschnitte zur Verteidigungstaktik, Merkblätter z. B.  für die von Durchsuchungsmaßnahmen Betroffenen und die stete Berücksichtigung der jeweils unterschiedlichen Psychologien der verschiedenen Akteure im steuerstrafrechtlichen Verfahren machen das Werk besonders wertvoll für den Praktiker.

Fraglich mag bleiben, ob der Abschnitt über die Fälle mit Auslandsbezug (Amts- und Rechtshilfe, Informationsbeschaffung im In- und Ausland) tatsächlich derart umfangreich – auf nunmehr 30 Seiten – hätte ausgeweitet werden müssen, weil sich das Werk im Übrigen offensichtlich an Anfänger im steuerstrafrechtlichen Mandat richtet, die solch rechtlich schwierige Fälle vielleicht ohnehin lieber jenen Verteidigern überlassen sollten, die auch schon „Steuerstrafrecht für Fortgeschrittene“ durchgearbeitet haben.

Im Ergebnis ist das Steuerstrafrecht von Kuhn, Weigell und Görlich ein lesbares wie lesenswertes Anleitungsbuch für die ersten Schritte in der Steuerstrafverteidigung, dem Erfahreneren mag es eher als wiederholende „Checkliste“ Dienste erweisen.

Kuhn, Michael; Weigell, Jörg; Görlich, Michael: Steuerstrafrecht, 3. Auflage, Beck, München 2019, 219 Seiten, 69 Euro.

Sachsen will Störsender in Untersuchungshaftanstalten einführen

Wer erinnert sich nicht an das Mobilfunkverhinderungsgesetz aus dem Jahr 2009, mit dem Berlin seinen Justizvollzugsanstalten erlaubt hat, technische Geräte und Systeme zu betreiben, die unerlaubte Mobilfunkkommunikation auf dem Anstaltsgelände verhindern (sog. Mobilfunkblocker). Die Blocker kamen bekanntlich nicht, das Gesetz blieb.

In einem kurzen wie lesenswerten Interview mit der Süddeutschen verteidigt der sächsische Justizminister Sebastian Gemkow nun seinen Plan, in den U-Haft-Anstalten Störsender zu installieren.

Die Argumente der Befürworter von Störsendern sind bekannt: Da man über das Telio-System legal telefonieren darf, dürften illegale Handys zumeist für illegale Telefonate und nicht für den Schnack mit der Mama genutzt werden. Insbesondere kann man mit – zumal unüberwachten Handys – die Drogenüberwürfe koordinieren, die eine Gefahr für die Sicherheit und Ordnung der Anstalt darstellen. Denkbar sind auch Verdunkelungsversuche bzgl. der einem selbst vorgeworfenen Straftat.

Die Gegner erinnern demgegenüber an die Unschuldsvermutung, die sehr sehr hohen Kosten der Telio-Nutzung und den Angleichungsgrundsatz: Wenn in der freien Welt alle Netflix gucken, sollte der als unschuldig geltende, im Extremfall 23h/Tag im Haftraum auf das Verfahren wartende Untersuchungsgefangene nicht nur auf das normale Fernsehprogramm angewiesen sein, zumal die Auswahl der Kanäle in der Heimatsprache im besten Fall klein ist.

Unsere Lieblingsfrage aus dem Interview: 

Herr Gemkow, wo würden Sie Ihr Handy verstecken, damit es niemand findet?

Die Antwort gibt es unter diesem Link.

7 Tage mit einem Mörder

In der NDR-Reihe „7 Tage..“, die sonst zu  anderen gesellschaftlichen Minderheiten wie Veganern, Prostituierten, Schlachtern oder Singles führt, widmet sich eine Folge vom 28. März 2018 (online bis 28. März 2019) einem wegen Mordes verurteilten Mann, der vor zehn Jahren unter etwas unklar bleibenden Umständen, jedenfalls recht spontan, seine Nachbarin umgebracht hat. 

Lohnend ist die Dokumentation, weil sie einen kleinen Einblick in das persönliche Seelenleben eines zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilten Menschen liefert.

Anstrengend ist jedoch die ständige Selbstspiegelung der Journalistin, die die halbe Stunde unter die Leitfrage zu stellen scheint, wie es ihr dabei geht, einen Mörder zu treffen, ihm gar die Hand zu geben (oha!), und dessen Perspektive zu hören. Es mag ja zuweilen schön sein, wenn Menschen unbefangen an eine Arbeit herangehen. Leider nimmt dies, stets untermalt mit Bildern vom Betreten und Verlassen der JVA und der Heimfahrt mit den öffentlichen Verkehrsmitteln, jedoch so viel Zeit ein, dass die Aussagen des insgesamt ziemlich aufgeräumten und reflektierten Gefangenen, der seine Haftzeit unter anderem mit der Mitarbeit an der Gefangenenzeitung und beim Erlernen des Klavierspiels herumbringt, aus angeblich 21 Stunden Interviewmaterial arg zusammengeschnitten werden mussten.

Problematisch ist auch, dass sämtliche Fragen einem halbstündigen Brainstorming zu entstammen scheinen, jedenfalls die mannigfaltigen Veröffentlichungen zur Wirkung gerade des Langzeitvollzugs oder zu den rechtlichen Voraussetzungen der Aussetzung des Strafrestes bei lebenslanger Freiheitsstrafe der nicht zur Kenntnis genommen worden sind und man ganz auf das Gefühlige setzt. Überraschend allein die letzte Frage des Gefangenen: „Haben Sie eine Frage vorbereitet und sich dann nicht zu stellen getraut haben?“ Das enttäuschte Gesicht des Gefangenen beim „Nein“ der Journalistin fasst die Doku, die als leicht voyeuristischer Selbstfindungstrip der Journalistin daherkommt, dann auch gut zusammen.

Da man aber für jedes, zumal mit Bewegtbild unterlegtes, Stück Information aus dem Strafvollzug dankbar sein muss, hier der Link:

https://www.ardmediathek.de/tv/7-Tage/7-Tage-mit-einem-M%C3%B6rder/NDR-Fernsehen/Video?bcastId=14049104&documentId=51186092

„Nachdem dieser John von Rechtes wegen seine Strafe abgebüßt hatte, wurde er, wie gebräuchlich, der lieben Mitwelt zur Hetzjagd überlassen.“

Es ist doch immer erstaunlich, dass sich manches einfach nicht ändert: 150 Jahre hat die Novelle „Ein Doppelgänger“ von Theodor Storm mitterweile auf dem Buckel, doch ist sie keineswegs in die Jahre gekommen.

John Hansen ist straffällig geworden, wird verurteilt und sitzt seine sechsjährige Freiheitsstrafe bis zum letzten Tag ab. Zurück in der Gesellschaft gelingt es ihm aber nicht, das Stigma der Vergangenheit im Gefängnis abzustreifen, und so geht es mit ihm immer weiter bergab.

Der Suhrkamp-Verlag hat den ungeheuer lesenswerten Text in der Insel-Bücherei-Reihe erneut herausgebracht und ihm rund zwanzig Zeichnungen der jungen Wiener Illustratorin Julie Völk zur Seite gestellt, die eine ganz eigene Perspektive auf die Hoffnungen des John Hansen und der ihn umgebenden Frauen, deren Sehnsucht nach Normalität, aber auch die Aussichtslosigkeit all ihres Strebens liefern.

Unbedingte Kaufempfehlung.

Zum Einlesen: Klick
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